Julia Pott

zurueck


Erinnerungen

Anders als meine Eltern und andere Mitbewohner in der Wohngemeinschaft, mussten meine Geschwister und ich uns den Weg zu einem Leben in der Wohngemeinschaft nicht erst bahnen; wir wurden so zu sagen einfach hinein geboren. Das Leben mit vielen anderen Menschen an meiner Seite war mir von Anfang an vertraut und für mich die natürlichste Form des Zusammenlebens.
Ich wurde am 12. Januar 1981 als Tochter von Peter und Christa Pott geboren. In den ersten sechs Jahren hatte ich kaum Kontakt zu Kindern außerhalb der Wohngemeinschaft, meine besten Freunde lebten direkt mit mir in einem Haus. Erst in der Grundschule wurde mir bewusst, das ich anders lebte, nicht in einer "normalen Familie".

Ich brachte gerne meine Freunde von der Schule mit nach Hause, wo wir viel Platz zum spielen hatten; zusammen mit den andere Kinder, die in der Wohngemeinschaft lebten, waren wir immer ein Haufen Kinder, die viel Spaß und Raum zum spielen hatten. Meistens war ich diejenige, der die Spiele in den Sinn kamen und bestimmte gerne was gespielt wurde, was mir heute als eine etwas beschämende Erinnerung bleibt. Ich war viel und gerne mit Mädchen zusammen. Meine erste beste Freundin hieß Maja, die mit ihren Eltern und ihren zwei Geschwistern in der Wohngemeinschaft lebte. Eines Tages, für mich ganz unerwartet, zog Majas Familie aus. Weg war sie. Ich erinnere mich, dass Maja und ich uns ganz aufgeregt unterhielten, und sich bei mir ein ganz bestimmtes Bild in Gedanken verfestigte, was "ausziehen" bedeutet: Der Vater der Familie zieht eine Bettdecke hinter sich her, auf der die ganze Familie Platz findet, mit Kuscheltieren und all dem was Kindern sonst noch von Bedeutung ist.
Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, wie Maja und ich uns nur noch einmal, und dann erst wieder nach über zehn Jahren wieder sehen werden, zufällig.

Danach zogen Kathrin und Susanne in die Wohngemeinschaft ein. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern wer zuerst einzog, ich denke Kathrin zog vor Susanne ein. Oder umgekehrt? Beide wurden meine besten Freundinnen und wir konnten den ganzen Tag mit Spielen verbringen, zwar stritten wir uns auch viel, aber konnten uns dann doch immer wieder zusammenraufen. Mein kleiner Bruder Peter spielte viel mit uns Mädchen. Wir bauten Buden auf dem Hof und hatten einen kleinen Autoanhänger, in dem wir Peter, und oft auch Ulrike, durch die Gegend zogen zusammen mit allen Kuscheltieren die wir so hatten - da er der jüngste war, musste er oft das Baby spielen.

Dann zog Susanne von einem Tag auf den anderen aus. Von Entscheidungen und Konflikten der Erwachsenen von ihren besten Freundinnen fort gerissen. Und ich sah sie nie mehr wieder.

Meine Kindheit war intensiv und ich liebte es zu spielen, nie blieben mir die Ideen aus, was als nächstes gespielt wird. Mein Blick auf die ersten 9 Jahre meiner Kindheit ist nicht ganz klar, ein wenig nebelig und bruchstückhaft. Bis am 28. Oktober 1990 der überraschende Tod meines kleinen Bruders Peter mich aus meiner Kindheit reißt. Von da ab fange ich wieder bei Tag eins an, ernst und klar. Mein Blick auf die Welt verändert sich, Kinder sterben, die Realität ist eine andere geworden. Nun war ich die jüngste meiner Familie.

Ich beende im Sommer 1991 die Grundschule und fange auf dem Max - Planck Gymnasium in Bielefeld an. Die Schule wurde mir schell zu langweilig und ich verhielt mich "respektlos" gegenüber den Lehrern. 2 Jahre später wechselte ich auf die Martin- Niemoeller-Gesamtschule und dachte, dass meine schulischen Erfahrungen vielleicht interessanter werden. Ich erinnere mich nicht an viel, was in den 5 Jahren auf der Gesamtschule passiert ist. Ich weiß, dass die ersten zwei Jahre furchtbar waren, das erste mal in meinen Leben machte ich die Erfahrung, was es heißt, Außenseiter zu sein. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als diese Schule so schnell wie möglich wieder zu verlassen, aber noch mal die Schule wechseln?
Jeder Morgen wurde zur Qual, meine Knie zitterten und alles, was man mir in dieser Schule beibrachte, war, wie schrecklich Schule sein kann. Jedoch fand ich eine sehr gute Freundin in meinem Jahrgang, Anika.Click to enlarge Mit Anika konnte ich alles besprechen und neue Pläne schmieden. Obwohl ich keinen Kontakt zu Anika mehr habe, glaube ich, dass sie ganz wichtige Phasen meines Lebens geprägt hat und sie eine der wichtigsten Personen in einer sehr komplexen Zeit war. Als ich dann in die Oberstufe kam und sich die Klassen neu verteilten, wurde auch meine Schulzeit erträglich. Ich fand viele neue Freunde, unter anderen auch Esther, die ich das erste Mal kennen lernte, als Anika und ich eine Mädchen-Band gründeten, genannt die "Xanthippen". Anika und ich gingen getrennte Wege, obwohl wir uns immer sehr liebten. Esther war ab der 11. Klasse immer an meiner Seite. Noch heute haben wir regelmäßig Kontakt. Nach der Fachhochschulreife verließ ich die Gesamtschule um eine Schneiderlehre in Gütersloh zu beginnen. Ich konnte die Schule nicht mehr ertragen, die Zeit verging zu langsam und obwohl ich nur noch ein Jahr zum Abitur gehabt hätte, konnte ich es einfach nicht mehr erwarten, etwas Neues und Spannendes zu erfahren! Im August 1999 fing ich voller Begeisterung mit meiner Lehre an, ich konnte mir nichts anderes mehr vorstellen als zu nähen, nähen, nähen. Das war mit 18 Jahren.
Click to enlargeIm Winter 1999 - 2000, zog ich von zuhause, aus der Wohngemeinschaft, aus. Mir kommt es oft so vor als treffe ich Entscheidungen ungefähr ein Jahr, bevor sie getroffen werden sollten. Bei mir muss alles sofort passieren, also zog ich sofort aus, nach Bielefeld. Zu der Zeit war ich mit Tim zusammen, für drei Jahre. Das erste Jahr alleine wohnen gestaltete sich als sehr schwierig. Ich lebte mit zwei verschiedenen Mitbewohnerinnen zusammen, mit denen ich mich eher schlecht verstand, und wäre das erste Jahr ziemlich einsam gewesen, wenn da nicht Tim und meine neue Freundin Julitta und Esther gewesen wären.

Meine Lehre lief sehr gut, obwohl es auch hart war und ich sehr früh aufstehen musste und erst spät nach Hause kam. Im November 2000 zog ich mit Tim und 3 anderen Freunden in eine wunderschöne Altbauwohnung in Bielefeld. Tim und ich waren zu dieser Zeit schon 2 Jahre zusammen und es fing an zu kriseln, langsam merkte ich, dass meine Zeit gekommen war von Bielefeld aufzubrechen. Im April 2001 trennte ich mich von Tim und versuchte so schnell wie möglich meine Lehre abzuschließen um nach Hamburg zu gehen um Mode-Design zu studieren. Das war mein Plan und der stand fest! Ich beendete meine Lehre im Sommer 2001, ein Jahr früher als anfangs gehofft, um mich auf den Weg in die Welt zu machen. Aber wie gesagt, ich treffe Entscheidungen immer ein Jahr früher.

Im Juli flogen Julitta und ich nach Amerika, Boston. Kurz vorher hatte ich das Buch "Worlds End" von T.C Boyle gelesen und war gespannt, den Hudson Valley und all seinen Landschaftsbeschreibungen nachzugehen. In Portland, Maine, trafen wir Andy, ein ehemaliger Austauschschüler, der 1989 ein Jahr in der Wohngemeinschaft verbrachte. Zum Glück hatte Andy ein Auto und wir fuhren in drei Wochen von Portland nach Washington D.C, Maryland, Virginia Beach, um unsere letzten Tage in New York City zu verbringen.

New York...
Es war schon Nacht als wir in New York ankamen, und Julitta und ich konnten in dem leergeräumte Apartment einer Freundin von Andy bleiben, was sich in der Upper West Side befand, 113. Strasse. Wir standen auf der Dachterrasse und schauten auf New York... Ich hatte Angst vor dieser riesigen, lauten Stadt und dachte, während wir hier auf der Terrasse stehen passieren unglaublich viele Gewalttaten in dieser Stadt, in der Dunkelheit, irgendwo in den Häuserschluchten! Dabei vergaß ich all die schönen und liebevollen Dinge, die in einer so großen und intensiven Stadt passieren...
Ich glaube, wenn man das erste mal nach New York kommt, hat man noch nicht den Blick für die Schönheit dieser Stadt, die sich anders zeigt als andere Städte. Das Apartment stand komplett leer und Julitta und ich mussten auf dem Holzfußboden schlafen. Unsere Fenster gingen zum Hinterhof hinaus und ich hörte Menschen singen, lachen, streiten und jemand spielte wunderschön Gitarre, da fing ich an die Stadt und ihre Menschen zu lieben.
Ich erinnere mich, dass es am folgenden Tag etwas regnete, die Luft war schwül und warm, es war ein Sonntag. Andy hatte abends ein Treffen mit Freunden, und Julitta und ich wollten uns selbst auf den Weg machen um New York zu erkunden.
Dies war der Tag, an dem ich Eyal traf, meinen Freund, mit dem ich seit über zwei Jahren in New York lebe. Als ich Eyal kennenlernte, hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass ich mit ihm eine Welt erkunden konnte, die mir zuvor verschlossen war. Schon lange war ich gelangweilt von den, für mich, gewöhnlichen Umständen, in denen ich lebte, nichts was mich wirklich beanspruchte, reizte, forderte. Eyal und ich verbrachten drei Tagen mit einander in denen wir uns, zwei vollkommen fremde Menschen, so nahe wie möglich kommen wollten. Und ich erinnere mich wie erstaunt wir feststellten, obwohl wir eine so unterschiedliche Vergangenheit hatten, waren wir uns in unseren Ansichten und Werten gegenüber dem Leben sehr ähnlich. Eyal lebte bis zu seinem 23. Lebensjahr in Israel. Er wuchs in einer relativ religiösen, doch auf jedem Fall traditionellen sephardisch - jüdischen Familie auf. Mit 19 Jahren wurde Eyal zum Israelischen Militärdienst eingezogen, für 4 Jahre. Sein viertes Jahr war er als Offizier tätig. Dies war eines der Dinge, die ich erst später verstand, nachdem ich mich wirklich mit Israel, der politischen Situation und den Menschen in diesem Land beschäftigt hatte. Militär, das war mir zuvor etwas ganz Fremdes, aus einer deutschen Perspektive.
Nach drei Tagen mit Eyal in New York flog ich schweren Herzens zurück nach Deutschland. Ich wusste, ich würde zurückkommen, denn Eyal hatte einen so tiefen Eindruck hinterlassen, und bei mir hatte sich etwas verändert. Vielleicht könnte man es so beschreiben, solange ich in New York war, hatte sich etwas in mir beruhigt, das Gefühl, das mich zuvor immer unruhig und unzufrieden machte, sobald ich mich einem Ort oder einer Tätigkeit zuordnete, hatte sich in New York gelegt. Ich war glücklich. Hier gab es so viele Reize und Anforderungen, dass ich fühlte, hier könnte ich bleiben und in Welten eintauchen mit neuen Schwierigkeiten und Forderungen.
Mein Weg nach New York war nicht einfach. Ein Jahr lang war ich zerrissen, meinen Mut zu sammeln und nach New York zu gehen, oder den Reiz zu vergessen, den diese Stadt auf mich ausübte, und Eyal. Sollte ich mich wieder auf gewohnte Wege konzentrieren? Das weiter zu führen, was ich vor New York meinte, wäre das beste?
In diesem Jahr, 2001, was auch das Jahr der Terroranschläge auf New York war und was meine Entscheidungen nach NYC zu gehen nicht einfacher machte, flog ich zum zweiten Mal nach New York um vor allem Eyal besser kennen zu lernen. Ich fühlte, dass eine bestimmte Sehnsucht in mir ihren Platz in New York gefunden hatte, sich wieder erkannte. Nicht das diese Sehnsucht gestillt war, sich aber am richtigem Ort befand um zu leben.
In diesem Jahr lebte ich in Hamburg eine Art Zwischenleben, nicht hier, noch dort, nicht jetzt, noch später. Ich baute Kontakt auf zur jüdischen Gemeinte, und fing an Hebräisch zu lernen, was mich sehr begeisterte und interessierte.
Im Sommer 2002 kam Eyal mich besuchen, was mich unendlich glücklich machte! Dies veranlasste mich zu mehr Sicherheit in meinen Gedanken nach New York zu gehen, und schließlich reiste ich am 8. Juli 2002 ab, mit einem Koffer in der Hand, um ein Leben in New York zu beginnen, mit Eyal.
Zu diesem Zeitpunkt waren meine Pläne in New York zu bleiben noch nicht ausgesprochen. Zumindest glaube ich, dass Mama und Papa vielleicht damit rechneten, aber nicht wussten, dass ich in New York bleiben werde.

Nun lebe ich seit über zwei Jahren mit Eyal in der Lower East Side in Manhattan. Nicht eine Sekunde habe ich meine Entscheidung bereut hier mit Eyal zu leben. Mein Leben in Deutschland könnte wohl sehr viel einfacher sein... doch was heißt schon einfacher. Vielleicht auch langweiliger. Ich kann dabei nur für mich sprechen, so manch' anderer könnte hier nicht leben. Aber wie gesagt, ich glaube es ist jedermanns Sehnsucht, die einen Ort sucht um zu leben, und für mich ist es halt New York.
Ich arbeite in verschiedenen Restaurants und versuche so meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nicht ohne Unterstützung schaffe ich es in einer der teuersten und wahrscheinlich anstrengendsten Städte der Welt mich über Wasser zu halten.
Seit über einem Jahr studiere ich hier. Mein Schwerpunkt ist Hebräisch, und mit Begeisterung lerne ich jede Woche mehr Hebräisch zu verstehen und zu sprechen.
Im letzten Sommer sind Eyal und ich das erste Mal zusammen nach Israel geflogen und ich habe seine Familie getroffen. Israel kennen zu lernen war einer der beeindruckensten Urlaube, die je gemacht habe. Leider sind die jetzigen Umstände in Israel und im gesamten Nahen Osten nicht die besten, doch ich hoffe und glaube an den Frieden dort.
Wer weiß, vielleicht werde ich auch einmal dort leben.

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